Das Jahr ist rum, Nina ist zurück. Nun ist es an der Zeit, einmal zusammenzufassen, was wir in der letzten Zeit so erlebt haben.

Die Idee

Als unser Kind im Alter von 15 Jahren zu uns kam und uns von ihrer Idee berichtete, sie würde gerne ein Schuljahr im Ausland verbringen, waren wir erstmal geschockt, nein – verunsichert trifft es besser. Was das überhaupt soll und was das für uns und unsere Familie bedeutet, war uns zu diesem Zeitpunkt vollkommen unklar. Ein Jahr loslassen, geht das überhaupt? Ist das wirklich eine so gute Idee? Kann man das überhaupt verantworten, ein Kind so einen langen Zeitraum an fremde Menschen übergeben und sich selber überlassen? Keine Kontrolle mehr haben über das, was passiert, keinen Einfluss auf die Entwicklung nehmen können. Was ist, wenn das alles in eine Richtung läuft, die wir gar nicht wollen oder gut finden? Das Kind hatte uns gegenüber einen Vorsprung. Sie hatte sich mit dem Gedanken zu diesem Zeitpunkt bereits etwas länger beschäftigt, wie sich nachher herausstellte. Diesen Vorsprung mussten wir erstmal wieder einholen und uns als Eltern informieren, was das alles bedeutet, wie das alles gehen könnte und wie wir damit umgehen können.

Wie alles begann

Wann und wie genau die Idee entstanden ist, weiß ich nicht mehr. Am Anfang war der Gedanke – ich will in die USA. Wir haben Freunde in dem Land, der Onkel lebt seit vielen Jahren da, wir haben Urlaube an der Westküste verbracht. Da liegt es nahe, da auch hinzuwollen. Nachdem die ersten konkreten Informationen vorlagen, kam die Ernüchterung. So cool ist das gar nicht. Ein sehr großes Land, keine Gewissheit wo man landet. Alles ist möglich zwischen heißer Sandwüste und kalter Eiswüste, einem konservativem Texas und einem liberalen Washington. Alles ist möglich. Dazu kommt, dass die USA nach Kanada und Neuseeland mit das teuerste Land ist. Relativ schnell wurde klar, dass Nina die Hälfte der Kosten selber finanzieren muss. Diese Tatsache führte dazu, sich auch mal andere Destinationen anzuschauen. So fiel das nähere Augenmerk auf Schweden. Gutes Schulsystem, europäische Standards, gleiche Zeitzone, und ein wesentlicher Vorteil für die Eltern: nicht so weit weg. Wobei das eigentlich egal ist, weg ist weg, und da spielen 1000 km mehr oder weniger keine wirkliche Rollen. Gefühlt aber schon. In der Familie trafen wir die Entscheidung es zu wagen, in Schweden. Wir besuchten Austauschmessen, forderten Unterlagen von Agenturen an, stellten Vor- und Nachteile gegenüber, vereinbarten „Vorstellungsgespräche“ bei ein paar Agenturen. Es fühlte sich komisch an, wir bewarben uns bei Dienstleistern, die sich um die Suche nach einer Gastfamilie und einer Schule kümmern. Eigentlich müssten die sich bei uns bewerben. Aber wenn das Spiel so geht, bitte. In dem Markt der Austauschschüler tummeln sich jede Menge an Firmen und Organisationen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Grundsätzlich gibt es da zwei Ansätze. Vereine, die sich für den „Austausch“ einsetzen, und Firmen, die sich seit vielen Jahren mit der Organisation von Austauschjahren beschäftigen. Das ganze mehr oder weniger seriös. Da gab es zum Beispiel eine Agentur, die sich mit unserer Tochter zu einem ersten Gespräch alleine in einer Kneipe treffen wollte. Sorry, aber sowas findet bei uns nicht statt.

Die Organisation

Die Vereine fühlten sich komisch an. Keine Ahnung was uns störte, es war so ein komisches Gefühl. Also wählten wir nach vielen Gesprächen eine Agentur aus Hamburg. Sie machten auf uns den besten Eindruck. Alle Fragen, die uns zu diesem Zeitpunkt einfielen, wurden schnell geklärt, der Vertrag wurde auf unsere Bedürfnisse angepasst. Im Nachhinein haben wir aber nicht die richtigen Fragen gestellt, nicht verstanden wir das Geschäft mit so einem Austauschjahr funktioniert. Wir hatten keine Ahnung, wie viele an so einem Projekt mitarbeiten, auf die wir keinen Einfluss haben und auch unser Vertragspartner nur bedingt Einfluss hat. Gleich lautende Namen bedeutet nicht, dass man sich auch gleich verhält und ein gleiches Verständnis für manche Dinge hat. Aber das lernten wir mit der Zeit und fanden uns damit ab. Wenn auch nicht gerne. Aber dazu komme ich später nochmal.

Die Vorbereitung auf ein spannendes Jahr

Der Vertrag war unterschrieben, die notwendigen Dokumente erstellt, Brief an die Gastfamilie geschrieben, bei der Schule die Freistellung erwirkt. Nach etwas Zeit wurde noch ein Vorstellungsvideo angefordert. Es sollte die Suche nach einer Gastfamilie erleichtern. OK, hätte man vorher auch mal was von sagen können, aber wir sind ja flexibel. In der Anforderung stand 30 Sek. soll es lang sein. Das geht nicht. Wir ignorierten das einfach und erstellten einen 2 Minuten Clip. Was uns dann aber sehr wunderte: das Video wurde auf allen Kanälen online veröffentlicht. Mit vollem Namen und mit einem Wasserzeichen der Agentur. Das war nicht nett, hätte man vorher auch mal sagen können, dass das Video so öffentlich gezeigt werden wird. Ein erstes Veto war notwendig, um den Nachnamen zu entfernen, ein Zweites, um das dann auch auf allen Kanälen zu bekommen. Schade, hatten wir nicht vier Wochen vorher erst eine Erklärung abgegeben, dass Bilder, Beiträge und Filme unserer Tochter nicht ohne Erlaubnis veröffentlicht werden durfte? Aber diese Erklärung hat die Partneragentur in Schweden sicher nicht gelesen oder verstanden. Ist ja nicht standart. Ein Vorbereitungstreffen gab es auch. Verpflichtend für Schüler und die Eltern. Also fuhren wir auch da hin. Auf dem Treffen erfuhren wir viel über USA und USA und USA. Das Hauptgeschäft liegt anscheinend nicht in Schweden. Nur ein kleiner Teil, das dann auch nur auf Nachfragen, bezog sich auf uns. Die Informationen wunderten mich zwar, da sie sich nicht mit meinen informationen deckten. Ein Beispiel: „Eine Krankenversicherung brauchen sie nicht, da die ja über ihre jetzige abgedeckt ist.“ Falsch. Das gilt nur für Aufhalte die maximal drei Monate dauern. Wir planen aber mindestens 10 Monate. Dies wurde auch angemerkt aber verneint.  War alles sehr verwunderlich, aber das Hauptgeschäft liegt ja, wie bereits bemerkt, nicht in Schweden. So schwänzte ich dann den Nachmittag und genoß den schönen Tag in Hamburg um abends mit der Tochter einen schönen Italiener in Hamburg zu besuchen. Alle Fragen können wir ja individuell klären. Komisch war dann nach ein paar Wochen, als man uns eine Versicherung anbot und mitteilte, man sollte diese doch buchen. Eine Versicherung aus Frankreich. Ganz bestimmt nicht. Wir nehmen dann lieber eine aus Deutschland, mit der man sich auch in deutsch unterhalten kann. Aber das nur am Rande.
Die Suche nach einer Gastfamilie gestaltete sich dann etwas schwierig. Die geplante Abreise rückte immer näher und wir hörten nichts. Auf unsere Nachfrage, wie es denn aussieht, wurde versucht uns zu beruhigen: das sei alles normal. Einen Einblick in die Suche erhielten wir aber nicht. Das liegt alles in Händen der schwedischen Partneragentur. Es wurde uns langsam klar, wie sich das Konstrukt zusammensetzt. Eine Muttergesellschaft in Schweden, seit vielen Jahren aktiv, viele Untergesellschaften in den einzelnen Ländern, die die Kinder einsammeln. Die Firmen im Ausland bekommen dann den Auftrag der Abwicklung. Und da haben die lokalen Gesellschaften nur bedingt Einfluss drauf. Das erklärt auch, dass die Eltern weder Einblick erhalten wie und nach welchen Kriterien die Familien ausgesucht werden, noch ein Mitspracherecht bei der Auswahl bekommen. Das ist einfach zu kompliziert. Aber das haben wir ja bereits akzeptiert und war auch nicht verhandelbar. Erst als wir eine Frist setzten, die Schule in Deutschland hatte wieder begonnen und wir brauchten eine Entscheidung, ob das Projekt überhaupt noch funktioniert, gab es eine Gastfamilie und einen lokalen Ansprechpartner. Drei Tage später ging es dann los nach Schweden.

Die erste Zeit in Schweden

An einem Freitag brachten wir unsere Tochter zum Düsseldorfer Flughafen. Es war gar nicht so einfach, alles für ein Jahr in einen 23kg Koffer zu bekommen. Am Ende ging es dann aber doch. Ein paar verbleibende Sachen beschlossen wir mit der Post nachzuschicken.  Schnell verabschiedeten wir uns an der Sicherheitskontrolle und blickten verstört unserem Kind hinterher. Das dieser Zeitpunkt kommen würde, wussten wir, schwer war es trotzdem. Auf dem Rückweg nach Köln war es sehr still im Auto. Jeder musste erst einmal verdauen, was da gerade passiert ist. Nina war noch nicht in Stockholm gelandet, da erhielten wir einen Anruf aus Hamburg. Ob man uns schon gesagt hätte, dass Nina erstmal nur eine Gastfamilie für 4 Monate hat, fragte man uns. Nein, das hat man uns noch nicht gesagt. Man versucht eine neue Gastfamilie in der gleichen Region zu finden, damit Nina nicht die Schule wechseln muss. Das fängt ja gut an. So eine Information braucht man zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich. Wir können ja mit vielen klar kommen, nicht aber, wenn man das Gefühl hat, verarscht zu werden. Wir beschlossen es unserem Kind später, also nach der Ankunft, zu erzählen. Das erübrigte sich aber schnell, da in der schwedischen Schule alle schon Bescheid wussten und gleich fragten, wo es denn nach den 4 Monaten hingeht. Das muss sich wie ein Schlag ins Gesicht angefühlt haben. Nicht, dass die Hauptbeteiligte in dem Spiel, unsere Tochter, von so einem nicht ganz unwichtigen Detail als Letzte erfährt, vielmehr wäre es sicher richtiger gewesen, gleich mit offenen Karten zu spielen. Angekommen in Schweden wurde unser Kind von der Gastmama sehr herzlich empfangen. Eine alleinerziehende Mutter mit zwei Töchtern und einem Hund, zwei Stunden nördlich von Stockholm in Sandviken.  Die Ferien in Schweden waren auch bereits vorbei und so ging es gleich am nächsten Montag in die neue Schule in Gävle. Sicher gut, sich nicht erst lange in einer neuen Umgebung zurechtfinden zu müssen und gleich mit der Schule anfangen zu können. Es gab viele Aufgaben zu erledigen. Neue Menschen, neue Familie, neue Sprache, alles neu. Die erste Zeit war anstrengend. Die Sprache nicht zu verstehen – gut dass alle auch englisch sprechen und auch verstehen. Schnell wurde sich eingelebt. Neben der Schule wurde Fußball in der örtlichen Frauenfußballmannschaft gespielt, im Orchester der Stadt wurde mit der nachgeschickten Klarinette fleißig mitgespielt und neue Freude gefunden. Spannend war wohl auch der Kontakt zu anderen Austauschschülern, die sich aus aller Welt einfanden und in die gleiche Schule gingen. Die Sprache wurde besser und besser. Für uns in Deutschland nicht immer transparent was da so alles passierte, die Nachrichten, die uns erreichten, waren aber vielversprechend. Was uns sehr viel geholfen hat, war der Kontakt zur Gastmama.  Auf Facebook sahen wir, was in Schweden passiert und ab und zu tauschten wir uns in einem Chat aus. Die Anspannung legte sich dadurch sehr schnell und wir übten uns in diesem „Loslassen“. Die Zeit rannte, bald stand Weihnachten vor der Tür und der Umzug in die neue Familie. Der Wechsel war notwendig, da die Familie in Sandviken von Anfang an für Januar bereits andere Pläne hatte. Das ist absolut in Ordnung, war ja von Anfang an bekannt; nicht allen Beteiligten, aber im Prinzip schon.

Kommunikation mit der Heimat

In der Vorbereitung nahm das Thema „Kommunikation mit dem Kind“ ein wichtigen Platz ein. Man versuchte uns klar zu machen, dass es wichtig sei, keinen bis ganz wenig Kontakt zu halten. Es würde sonst Probleme mit diesem Phantom Heimweh geben. Auch würden es die Gastfamilien nicht gerne sehen, wenn die Kinder Kontakt zu ihren Familien halten würden. Im Nachhinein sagen wir „bullshit“. Es ist wichtig Kontakt zu halten und es hilft allen. Sicher hätte es deutlich weniger sein können, wenn es eine funktionierende lokale Betreuung gegeben hätte. Wir sind eine Familie, die schon immer viel moderne Kommunikationsmittel nutzt. Ich bin viel unterwegs und da sind WhatsApp und Telegram die Tools, um sich auszutauschen und sich zu verabreden. Der klassische Anruf findet bei uns sehr wenig statt. Auch halten wir Kontakt zu unseren Freunden über genau diese Medien. Das haben unsere Kinder immer erlebt und uns auch nachgemacht. Von daher war es verständlich, auch innerhalb der räumlichen Trennung, den Kontakt nicht einzustellen. Oft sind es einfache Fragen, die auf diese Weise schnell geklärt wurden. Fragen wie zum Beispiel: „Wie soll ich das jetzt machen?“ oder „muss ich jetzt fragen oder darf ich das einfach machen?“. Fragen die in Anwesenheit durch ein einfaches Nicken geklärt worden wären, die aber den Heranwachsenden die nötige Sicherheit geben. Warum solche Kommunikation schlecht sein soll, haben wir nicht verstanden. Es ist auch in der Anfangszeit sehr hilfreich schnell in der Muttersprache einfache Fragen zu klären. Es mag sein, dass es Familien gibt, die das anders handhaben, aber wir leben da eher einen lockeren Austausch und möchten unsere Kinder animieren, Entscheidungen selber zu treffen, aber auch diese Entscheidungen überlegt zu treffen. Dazu ist es notwendig, andere Meinungen einzuholen und nicht unüberlegt etwas entscheiden zu müssen. Neben der direkten Kommunikation gab es auch noch viele Informationen über das Leben unseres Kindes aus anderen Quellen. Instagram und Facebook lieferte immer wieder Bilder und Beiträge die einen kleinen und oberflächlichen Einblick in das Leben gaben. Es war immer wieder schön, ein Bild zu finden, was uns das Gefühl gab, unserem Kind geht es gut. Irgendwann fragten wir mal wie es mit diesem „Heimweh“ aussieht. Wir bekamen schnell eine klare Antwort. Diese von allen Seiten beschriebene „Heimweh“ ist nicht aufgekommen. Klar, manchmal grübelt man, wenn man alleine im Bett liegt, aber dieses oft angekündigte Gefühl, alles hinschmeißen zu wollen und ganz schnell wieder zurück zu wollen, gab es nicht. Ob das jetzt stimmt, wissen wir zwar nicht, glauben aber das es stimmt. Dazu hat sicher auch unsere offene Kommunikation ein Stück weit beigetragen, da wir zwar weit weg, aber nicht aus der Welt waren. Im Grunde waren wir die ganze Zeit, in dieser „Teufelskiste Telefon“ gefangen, dabei.

Umzug in eine neue Familie

Neue Familie, da war ja noch was. So richtig bewusst wurde es allen beteiligten, dass da noch was passieren wird, als Nina in der Schule eine Klasse wechseln wollte. Aus eine naturwissenschaftlichen in eine Musikklasse. Musik geht mit eingeschränkten Sprachkenntnissen wesentlich besser. Sowas sollte, das war der Plan, mit der lokalen Betreuerin besprochen werden. Die hatte aber dafür so gar kein Verständnis. „Du bist doch eh bald weg. Das lohnt nicht.“ Oder so ähnlich. Woraufhin unsere Tochter das Gespräch abbrach und sich auf den Heimweg machte. Das war das erste Mal, dass mich einen tränenreicher Alarmanruf aus Schweden erreichte. Emotional war das einfach zu viel. Wir wussten nicht, wo es bald hingehen sollte, nur dass die Zeit in Sandviken bald vorbei ist, alles ungewiss und die Betreuerin durfte oder konnte nichts sagen. Das war nicht gut. Es war an der Zeit sich einzuschalten und unserer Organisation klar zu machen, dass wir die Situation gerade ziemlich doof fanden. Am nächsten Tag fand auch gleich ein Telefonat mit Hamburg statt. Man hatte Verständnis dafür, dass wir das Drama des Anfangs nicht noch einmal brauchten und das eigentlich genug Zeit war, alles zu klären. Geholfen hat es aber nicht wirklich. Es vergingen wieder gefühlt Wochen, ohne dass wir irgendeine Information erhielten. Wir wollten auch nicht untätig sein und die neuen Freunde meinten, dass sich in Gävleborg doch eine Familie finden lassen müsste. So starteten wir einen Aufruf hier im Blog und auf Facebook. Die Reichweite überraschte uns etwas. Über 1700 Personen erreichte der Beitrag in kurzer Zeit. Geholfen hat es aber nicht. Oder zu mindestens haben wir nichts davon mitbekommen. Mitbekommen hat die Aktion unsere Organisation. Nach sehr kurzer Zeit, es hat keine Stunde gedauert, kam eine Nachricht, was das solle, Nina darf sowas nicht posten, meinte die lokale Betreuerin. Genau Diese Frau, bei der das letzte Gespräch abgebrochen wurde und die es in den ersten drei Monaten in Schweden nicht geschafft hat, eine Vertrauensbasis aufzubauen, um über alles reden zu können. Schade nur, dass dieser Post vorab mit unserer Organisation abgestimmt war. Also abgesehen davon, dass wir sagen und schreiben dürfen was wir wollen, ok – ein paar Grenzen gibt es auch da. Aber grundsätzlich vertreten wir unsere Meinung und lassen uns nicht verbieten unsere Meinung kund zu tun.
Anfang Dezember war es dann soweit. Es gab eine neue Familie. Im Süden von Schweden. Einmal Reset und alles auf Anfang. Aber gut – warum nicht. Was uns etwas wunderte war die Tatsache, dass die Gastfamilien alles, was den Umzug betraf, selber organisierte. Die Organisation glänzte mit Zurückhaltung. Sicher hätten wir da mehr Einsatz einfordern können, immerhin ist der Wechsel der Gastfamilie nicht auf unseren Mist gewachsen, aber es ging ja auch so. Hat sich trotzdem komisch angefühlt, dass alles sich selber zu überlassen. Uns fremde Menschen kümmern sich darum, dass unser Kind umzieht, an einen Ort, den wir nicht kennen, in ein neues Umfeld. Das ist extrem komisch. Meine Frage, ob ich mich da einschalten soll, wurde klar und entschieden verneint. Sicher wusste Nina, was dann bei meiner Gefühlslage hätte passieren können. Ich neige in solchen Situationen dazu, formal zu werden. Und das weiß sie. Am Ende ist alles gut gegangen. Die neue Familie war genau so perfekt wie die erste, nur einfach anders. Diesmal auf dem Land mit Pferden, Hund und Katzen, alles was es bei uns nicht gibt. Auch die Schule war ein Glücksfall. Ein Musikprogramm, genau das richtige für Nina. Viel Kunst, malen, zeichnen und fotografieren. Aber das erzählt Nina besser selber. Was uns in dem Zusammenhang etwas verärgerte war die Tatsache, dass die Organisation in Schweden mit Abwesenheit glänzte. So kam es nach drei Monaten zum ersten und einzigsten Treffen mit der lokalen Betreuerin. Da haben wir eindeutig eine andere Vorstellung von einer Betreuung von Minderjährigen im Ausland. Aber dazu mehr im Abschluss.

Endspurt

Die Zeit verging wie im Fluge. Wir beobachteten, wie unser Kind einen Ausflug zu Luise und Hannah nach Lulea *winke* in den wirklichen Norden unternahm und einmal erleben durfte, was „kalt“ wirklich bedeutet. Was es bedeutet am Meer auf dem Land zu leben, wie Familien und Nachbarschaft auf dem Land funktioniert. Eindrücke die es hier in Köln nicht wirklich gibt. Dass auch die Zeit im Süden zuende geht, merkten wir daran, dass es Mails von der Organisation gab, wann es wieder zurück geht. Das wussten wir aber zu diesem Zeitpunkt nicht und eigentlich wollten wir uns auch damit noch nicht beschäftigen. Die Fragen wurden immer hartnäckiger. Wir wussten, wann die Schule zu ende geht und die Ferien in Schweden anfangen. Aber auch, dass Mittsommer in Schweden gefeiert wird. Ob Nina das noch erleben darf, lag in der Entscheidung der Gastfamilie, da die Schule eine Woche vorher sein Ende fand. Auch wurde uns klar, dass das Leben des letzten Jahres unserer Tochter nicht in 23kg Fluggepäck passen würde. Also musste eine andere Lösung her. Die Idee war, mit dem Auto nach Travemünde zu fahren, mit der Fähre über Nacht nach Malmö überzusetzen und das ganze in der nächsten Nacht wieder Retour. Guter Plan – so haben wir es dann auch gemacht. Nicht geplant war, dass ich auf der Fähre nicht wirklich habe schlafen können. Aber wir waren ja zu zweit, dann ging das mit der Fahrerei. Kind#2 ließen wir zu Hause. Er hatte keine Lust auf autofahren, hatte ja auch Schule. Dafür hätte es zwar eine Lösung gegeben, aber er wollte nicht. Und mit 15 darf man auch mal alleine zu Hause bleiben.

Das Ende

Genau so passierte es dann auch. Wir holten die Große in Schweden ab. Uns wurde die Gegend gezeigt, wir lernten die Gastfamilie kurz kennen und verabschiedeten uns auch gleich wieder. Wir mussten ja in Malmö die Fähre bekommen. Jetzt müssen wir uns alle wieder aneinander gewöhnen. Es fühlt sich an wie der Abschied. Oder auch wie ein Ankommen nur andersherum. Wir haben uns viel zu erzählen. Alles was nicht in die Chats des letzten Jahres passte. Es ist schön, die Macken der anderen wieder live zu erleben. Es hat gefehlt, sich über die Unordnung zu ärgern, zu albern oder einfach mal zusammen vor dem Fernseher zu sitzen und sich über die stumpfsinnigen Sendungen aufzuregen. Aber diese Zeit ist jetzt vorbei, vorerst. Denn die Zeit kommt sicher wieder, wenn die Kinder ausziehen. Dann aber für immer. Gut ist, wir haben schonmal geübt, wie es ist.

Würden wir das nochmal machen

Ja, aber anders. Vieles haben wir vorher gesehen, vieles aber auch nicht. Bei der Auswahl der Organisation hätten wir mehr hinterfragen sollen. Vielleicht doch einen Verein auswählen sollen. Uns war nicht klar,  wenn wir eine Agentur in Deutschland beauftragen, dass die eigentliche Leistung weiter vergeben wird und die Qualität der Leistung von den Ausführenden im Ausland so stark abhängt. Wir dachten, wenn die zur selben Organisation gehören, sind die sehr vergleichbar. Dem ist nicht so. Unsere betreuende Organisation in Hamburg geben wir die Schulnote 1. Freundlich, verbindlich, schnell, so wie es sein soll. Immer erreichbar, wenn wir jemanden brauchten. Sie haben zugehört, wir haben diskutiert, sie haben sich für uns eingesetzt. Allerdings erhält die Organisation in Schweden eine 6. Warum eine 6, weil es keine 10 gibt, ganz einfach. Vor Ort Betreuung haben wir anders verstanden, wir glauben auch, dass wir das anders besprochen haben. Faktisch hat es keine gegeben. Ein persönlicher Kontakt in 6 Monaten, dass dann auch noch mit einer unvorbereiteten Betreuerin,  halten wir für zu wenig. Und eine Mailanfrage, ob alles gut ist, reicht hilfsweise für eine zugesagte Betreuung nicht aus. Auch wenn ein Kind auf so eine Anfrage nicht reagiert, passiert nichts. Jetzt kann man meinen, dass nur die Eltern so ein doofes Gefühl haben. Nein, auch die Gasteltern fühlten sich alleine gelassen. Wir haben auch nicht das Gefühl, dass die Auswahl der Gastfamilien ohne Druck von Seiten der Organisation erfolgte. Wenn sie keine Familien finden, hat das wirtschaftliche Folgen. Daher könnte es sein, dass bei der Prüfung lieber mal das ein oder andere Auge zugedrückt wird. Der Eindruck wird bestärkt, wenn man erfährt, dass der Besuch der Familie zwar vor der Ankunft des Kindes aber nachdem die Familie genannt wird stattfindet. Das ist zu spät und es müsste ganz große Missstände geben, bevor das Programm aufgrund des Vorortgespräches abgebrochen wird. Der Besuch fühlt sich als reine „Formsache“ an. Und das sollte nicht sein. Auch die Gastfamilien bei einem Wechsel der Familie alleine zu lassen, ist nicht in unserem Sinne. Immerhin bezahlen wir für die Betreuung, und die Familien sehen davon nichts. Vor dem Hintergrund ist das schon schräg.

Jetzt noch ein paar allgemein Dinge

Es geistern noch viele Gedanken in meinem Kopf rum, die raus wollen, aber nicht direkt irgendwo zu gehören.

Sprache

Am Anfang hatten wir etwas Sorge, wie es mit der Sprache so klappt. Eine ganz neue Sprache lernen ist eine Herausforderung. Die paar Wochen vorab an der Volkshochschule waren zwar ein Anfang, zeigten aber, dass Schwedisch sich zwar lustig anhört, aber so gar nichts mit dem zu tun hatte, was wir kannten. Jetzt will unser Kind in ein Land in dem man ohne Schwedisch nicht wirklich weiter kommt. So glaubten wir. Das war nicht ganz richtig. Englisch als Basis war schonmal nicht falsch. Viele Schweden verstehen und sprechen Englisch und sind auch offen die Sprache zu benutzen. In der ersten Zeit hat Nina sich viel in Englisch unterhalten. In der Schule gab es dann aber auch mal die Ansage, jetzt kein Englisch mehr, der Unterricht soll auf Schwedisch gehalten werden, nicht auf Englisch. Sicher eine gute Übung für die Mitschüler, aber nicht das Ziel. Schnell wurde nach und nach alles auf Schwedisch umgestellt. Die ersten Woche in der neuen Familie war noch sehr „Englisch“, wurde dann aber ganz schnell auf Schwedisch umgestellt. Als wir unsere Tochter abholten bestätigte uns die Gastmama, Nina spricht fließend schwedisch, ok – mit einem dänischem Akzent, braucht aber kein Englisch mehr. Beim Bestellen im Kaffee fühlte sich das sehr komisch an. Aus unserer Tochter kommen Laute raus, die wir nicht verstehen oder zuordnen können und das in einem Tempo, unglaublich. Und die Gute auf der anderen Seite des Tresen verstand das auch noch alles. Holla – das ist ja mal cool. Das Projekt, eine weitere Sprache zu lernen, hat geklappt.

Die Carepakete

Beim Packen des Koffers wurde uns ja schon klar, dass wir das ein oder andere nachschicken müssen. Logistisch erstmal kein Problem dachten wir. Dass die Post in Schweden allerdings nicht so funktioniert, wie bei uns, hatten wir nicht auf dem Schirm. Wir sind gewohnt, ein Packet hier bei der Post abzugeben und am nächsten Tag kommt es beim Empfänger an. Nicht in Schweden. Dass es etwas länger dauern würde, haben wir uns zwar gedacht, aber nicht, dass die Pakete nicht zugestellt werden. Die Post liefert die Pakete in irgendeinen Supermarkt in der Nähe oder auch mal etwas weiter weg ab und verschickt einen Brief, wo die Sendung grade liegt und abgeholt werden kann. So weit so gut, jetzt fängt es an komisch zu werden. Der Brief geht an irgendjemanden der in der Zieladresse wohnt. Und nur dieser bekommt das Paket. Es ist egal, wer auf dem Paket steht. Ohne Vollmacht geht da nichts. Wenn der, der auf dem Brief steht aber nicht da ist, bekommt man das Paket nicht, keine Chance. Gut an dem System ist, dass die Supermärkte meist auch am Wochenende, also auch sonntags, geöffnet haben und auch bis spät in die Nacht. Es kann aber auch passieren, dass der Supermarkt mal 30 km entfernt liegt. Das bedeutet auf dem Land eine gute 1.5 Stunden Fahrt mit dem Auto, um an das Paket zu kommen. Was in keinem Paket fehlen durfte war die Ahoibrause. In die erste Sendung hatten wir einfach mal so, eine Tüte mit rein gelegt, weil noch Platz war. Das artete immer weiter aus. Im letzten Paket waren es dann 100 Tütchen des Pulvers. Es muss echt einen AhoiBrauseNotstand in Schweden geben.

Zum Schluss

Jetzt ist es Zeit noch einmal Danke zu sagen.
DANKE EMMA
DANKE ANNIKA
DANKE THOMAS
DANKE MAX
Ich weiß, dass ihr alle hier mitlest ;-).

Danke Hamburg, Danke Frau Zillessen und Frau Scholz. Bei Ihnen haben wir uns wohl gefühlt, auch wenn in Schweden nicht alles rund lief. Mit Ihrer Leistung waren wir zufrieden und werden sie in Zukunft auch gerne weiter empfehlen.

Danke an alle, die mitgefiebert haben, uns mental, moralisch und sonstwie unterstützt haben. Danke an die Großeltern die unser Kind finanziell und moralisch in diesem Jahr mit unterstützt haben. Ohne diese Hilfe wäre es schwer geworden.

Wir alle haben in dem Jahr so viel erlebt, es lässt sich nicht wirklich beschreiben. Alle Beteiligten, die ganzen beteiligten Familien, Freunde und Verwandte, haben unglaublich viel gelernt und erfahren. Wir haben, zum Teil mehr – zum Teil auch weniger, die Kultur eines bisher fremden Landes kennen gelernt und neue Freundschaften geschlossen. Zu keiner Zeit gab es die Situation, die wirklich so doof war, das Projekt beenden zu wollen. Diese Erinnerungen werden uns erhalten bleiben und haben unsere Familie, ganz besonders unsere Tochter, geprägt. Wir sind echt froh es gemacht zu haben.

Jetzt müssen wir wieder in unser altes Leben zurück finden. Wobei – kann es nach all den Erfahrungen und Eindrücken der letzten Zeit überhaupt noch das alte Leben sein?